Interview mit Meena Arumaimoney, Leiterin Sales Deutschland, Stöcklin Group
Meena Arumaimoney begleitet Unternehmen bei der Optimierung und Weiterentwicklung ihrer Intralogistik. Im Interview spricht sie darüber, wann Automatisierung wirklich Mehrwert schafft, welche Fehler Investitionen unnötig teuer machen und warum Zukunftsfähigkeit heute weit mehr umfasst als die Auswahl der richtigen Technik.
Ich würde nicht mit der Technik beginnen, sondern mit der Frage, was der Kunde erreichen möchte. Geht es um mehr Durchsatz, stabilere Qualität, höhere Verfügbarkeit, bessere Ergonomie oder darum, mit dem Fachkräftemangel umzugehen? Erst wenn die Ziele und die heutigen Prozesse klar sind, kann man sinnvoll entscheiden, wo Automatisierung einen echten Mehrwert schafft.
Automatisierung ist für mich kein Selbstzweck. Gerade bei hoher Artikel-, Verpackungs- oder Variantenvielfalt kann es wirtschaftlicher sein, wiederkehrende und standardisierbare Abläufe gezielt zu automatisieren und bewusste Ausnahmen flexibel zu behandeln. Entscheidend ist nicht der maximal mögliche Automatisierungsgrad, sondern die richtige Balance zwischen Leistung, Flexibilität und Wirtschaftlichkeit.
“Manchmal ist eine Teilautomatisierung der richtige Schritt, manchmal eine umfassendere Lösung. Wichtig ist, dass die Entscheidung nachvollziehbar ist und sich langfristig trägt.”
Dazu gehört auch eine realistische Betrachtung der gesamten Investition. Nicht nur der Anschaffungspreis zählt, sondern ebenso Betrieb, Wartung, Verfügbarkeit und die Frage, wie sich Anforderungen in den nächsten Jahren verändern können. Eine Lösung muss heute funktionieren und gleichzeitig genügend Spielraum für Wachstum, veränderte Mengen und neue Prozesse bieten.
Manchmal ist eine Teilautomatisierung der richtige Schritt, manchmal eine umfassendere Lösung. Aus meiner Erfahrung entsteht die beste Lösung dann, wenn wir mit dem Kunden offen über Ziele, Rahmenbedingungen und Grenzen sprechen.
Ein häufiger Fehler ist, sich zu früh auf eine bestimmte technische Lösung festzulegen. Wenn die Technik bereits gesetzt ist, bevor Prozesse, Leistungsanforderungen und strategische Ziele sauber definiert wurden, versucht man später den Prozess an die Technik anzupassen. Aus meiner Sicht muss es genau andersherum sein: Zuerst verstehen wir den Prozess und die Anforderungen, danach entwickeln wir das passende Gesamtkonzept und wählen die geeignete Technologie.
Genauso kritisch ist es, nur für den heutigen Bedarf zu planen. Auftragsstrukturen, Mengen und Kundenanforderungen verändern sich. Deshalb müssen Skalierbarkeit, Leistungsreserven und Erweiterbarkeit von Anfang an mitgedacht werden, ohne eine Anlage unnötig zu überdimensionieren. Gute Planung bedeutet für mich, technische und wirtschaftliche Reserven bewusst zu dimensionieren.
“Wir betrachten die gesamte Prozesskette und übersetzen die Anforderungen des Kunden in eine technisch, wirtschaftlich und organisatorisch belastbare Lösung.”
Ein weiterer Punkt ist die Organisation rund um die Anlage. Bestehende manuelle Abläufe lassen sich nicht immer eins zu eins in eine automatisierte Umgebung übertragen. Materialflüsse, Schnittstellen, Ladungsträger, Daten und Verantwortlichkeiten müssen perfekt aufeinander abgestimmt sein. Ebenso wichtig ist es, die Mitarbeitenden früh mitzunehmen. Wer später mit der Anlage arbeitet, muss verstehen, warum sich Abläufe verändern und wie die neue Lösung im Alltag funktioniert.
Genau hier sehe ich unsere Verantwortung als Generalunternehmer. Wir betrachten die gesamte Prozesskette und übersetzen die Anforderungen des Kunden in eine technisch, wirtschaftlich und organisatorisch belastbare Lösung. Dabei ist Qualität für uns ein wesentlicher Bestandteil der langfristigen Wirtschaftlichkeit. Unsere Produkte werden inhouse entwickelt und grösstenteils in der Schweiz produziert. Durch die eigene Fertigung und unsere Inhouse-Tests, den FAT (Factory Acceptance Test) führen wir in Anwesenheit des Kunden durch, haben wir direkten Einfluss auf Qualität, Verlässlichkeit und die Abstimmung der Komponenten.
Vertrieb bedeutet bei Stöcklin deshalb mehr als die Akquise und Abschluss eines Projekts. Wir müssen früh transparent machen, was eine Lösung leisten kann, welche Veränderungen sie beim Kunden erfordert und wie sie sich über viele Jahre weiterentwickeln lässt. Genau diese Klarheit schafft Vertrauen und verhindert spätere Enttäuschungen.
Der Veränderungsdruck nimmt deutlich zu. Kunden erwarten kürzere Lieferzeiten und hohe Verfügbarkeit, gleichzeitig werden Sortimente, Verpackungen und Mengen volatiler. Dazu kommen Fachkräftemangel und Kostendruck. Intralogistik muss deshalb nicht nur leistungsfähig, sondern vor allem anpassungsfähig und robust sein.
Digitalisierung und künstliche Intelligenz werden dabei eine immer wichtigere Rolle spielen. Aus Betriebsdaten lassen sich Potenziale für Optimierung und vorausschauende Entscheidungen ableiten. Entscheidend ist für mich aber, dass die Basis stimmt: klare Prozesse, verlässliche Daten, saubere Schnittstellen und eine stabile Systemarchitektur. KI kann gute Prozesse unterstützen – sie ersetzt keine intelligente Prozessgestaltung.
"Zukunftsfähige Intralogistik beginnt nicht mit einer Technologieentscheidung. Sie beginnt mit dem Verständnis dafür, was der Kunde heute braucht – und was er morgen leisten können muss.“
Mit der zunehmenden Vernetzung wächst gleichzeitig die Bedeutung von Cybersecurity. Das ist keine Aufgabe, die ein Lieferant oder Betreiber allein lösen kann. Betreiber, Integrator, IT und weitere Partner müssen Verantwortlichkeiten und Schnittstellen früh klären. Die Sicherheit muss dabei über den gesamten Lebenszyklus der Anlage in Betracht gezogen werden.
Auch regulatorische Anforderungen gewinnen an Bedeutung. Die EU-Maschinenverordnung (EU) 2023/1230 gilt ab dem 20. Januar 2027. Bei Projekten mit entsprechendem Zeithorizont müssen die Anforderungen deshalb rechtzeitig in Planung, Auslegung, Dokumentation und Konformitätsbewertung berücksichtigt werden.
Und schliesslich bleibt Nachhaltigkeit ein zentrales Thema – nicht nur ökologisch, sondern auch wirtschaftlich. Energieverbrauch, Langlebigkeit, Wartbarkeit und die Möglichkeit, eine Anlage später anzupassen oder zu erweitern, beeinflussen die Gesamtkosten über viele Jahre. Zukunftsfähige Intralogistik entsteht für mich dann, wenn Prozesse, Technik, Menschen, Daten, Sicherheit, Qualität und Wirtschaftlichkeit von Anfang an zusammengedacht werden.