Wertschöpfungsprozesse neu modelliert – Eine Frage der richtigen Kombination

11.04.2014

Schweizer Generalunternehmer mit „Frischzellenkur“ für die Intralogistik der Semadeni Plastics Group erfolgreich

Mit der Reorganisation und Teilautomatisierung der vormals durchweg manuellen Prozesse hat die Semadeni Plastics Group eine neue Ära in der Logistik eingeläutet. Die Lösung stammt von der Stöcklin Logistik AG, die als Generalunternehmer zudem die lager- und fördertechnischen Einrichtungen aus einer Hand lieferte. Darüber hinaus sorgte der Schweizer Systemanbieter für die Implementierung eines zukunftssicheren Lagerverwaltungssystems, das ebenfalls zur Produktivitäts- und Effizienzsteigerung beiträgt.

Die Entwicklung, Konstruktion und Fertigung sowie der Vertrieb von Produkten aus Kunststoff – das ist das Metier der Semadeni AG mit Sitz im östlich von Bern gelegenen Ostermundigen. Neben einem breiten Standardsortiment wird an drei europäischen Standorten eine Vielzahl unterschiedlicher Produkte in verschiedenen Herstellungsverfahren entwickelt und gefertigt. Die Erzeugnisse von Semadeni kommen in den Bereichen Wissenschaft und Labor, Food und Gastronomie, Gesundheitswesen, Industrie und Logistik sowie Baugewerbe und Gebäudeunterhalt zum Einsatz.

Unter der neuen Dachmarke Semadeni Plastics Group hat das Schweizer Unternehmen erst jüngst drei Geschäftsbereiche zusammengefasst: „Semadeni Plastics Market“ steht für über 6.500 Standardprodukte, die über den Katalog und den Webshop vertrieben werden. „Semadeni Plastics Technology“ umfasst den Bereich Kunststofftechnik mit den Schwerpunkten Entwicklung und Fertigung von kundenspezifischen Lösungen, aber auch kunststoffbezogene Dienstleistungen. Dritte Sparte ist „Plastics Packaging“, wo sämtliche Leistungen der auf Verpackungstechnik spezialisierten Logo-Gruppe integriert sind, an der Semadeni seit 2013 eine Mehrheitsbeteiligung hält.

Gewachsene Strukturen glätten

Die Modernisierung der Lagerlogistik ist ein wichtiger Meilenstein in der erfolgreichen Geschichte des Unternehmens, die im Jahr 1952 einen eher bescheidenen Anfang nahm. Zu jener Zeit eröffnete Andrea Semadeni in Bern ein Handelsgeschäft unter dem Namen „Vertretungen von Neuheiten aller Art“. Gleich einer der ersten Artikel bestand aus Kunststoff, nämlich eine Säurepumpe, für damalige Verhältnisse eine sensationelle Innovation, die vor allem bei Apotheken schnell reißenden Absatz fand.

Seither hat die Semadeni-Gruppe kontinuierlich Innovationsarbeit geleistet und ist stetig gewachsen. Heute beschäftigt die Gruppe rund 160 Mitarbeitende und erwirtschaftet einen Umsatz von CHF 40 Millionen. Um auch auf logistischer Ebene mit dieser Entwicklung Schritt halten zu können, sind über einen Zeitraum von knapp über einem Jahr mehrere Millionen Schweizer Franken in bauliche Umbaumassnahmen und in die Modernisierung der Lagerlogistik am Standort Ostermundigen geflossen. „Charakteristisch für unsere ehemalige Lagerhaltung war quasi eine historisch gewachsene Verzettelung der Lagerorte, einerseits auf mehreren Stockwerken im Hauptgebäude und andererseits in zwei Hallen auf der gegenüberliegenden Seite der werksinternen Strasse“, berichtet Edgar Weyermann, Leiter Logistik bei Semadeni. Weiter erschwert wurde die Arbeit durch die enorme Artikelvielfalt von rund 11.000 Teilen unterschiedlichster Grösse, bei denen zudem die Zugriffshäufigkeiten beträchtlich variierten.

Herausforderungen gemeinsam meistern

„Unsere Aufgabe bestand also darin, sowohl die Platzverhältnisse als auch die Prozesse zu optimieren und gleichzeitig eine ‚richtige’ Lagerverwaltung einzuführen“, so Edgar Weyermann weiter. Im Wettbewerb überzeugte der von der Stöcklin Logistik AG (aus dem schweizerischen Dornach) präsentierte Lösungsansatz, der einen Mix aus automatisierten und konventionell manuellen Prozessen favorisierte. Der Startschuss für die Umsetzung fiel im Januar 2013. Im Oktober des gleichen Jahres konnte die neue Anlage bereits produktiv genutzt werden. Der abschliessende Go-Live erfolgte im März 2014.

Mit der Installation der neuen Intralogistik inklusive Integration eines neuen Lagerverwaltungssystems (LVS) hat für „Semadeni ein neues Logistik-Zeitalter begonnen“, betont der Logistikchef. Gleichwohl habe es sich um ein äusserst anspruchsvolles Projekt gehandelt, bei dem es einige Hürden zu überwinden galt. Denn die Realisierung fand parallel zum Tagesgeschäft statt, das möglichst reibungslos in der von den Kunden gewohnten Qualität weiterlaufen musste. Dem Engagement der Mitarbeiter sei es zu verdanken, dass es trotz der erforderlichen Räumung von mehr als 2.000 Palettenstellplätzen nicht zu nennenswerten Komplikationen gekommen ist. Dazu beigetragen habe aber auch das Know-how der Projektverantwortlichen von Stöcklin Logistik sowie deren Erfahrung bei der Umsetzung ähnlich gearteter Modernisierungsmassnahmen.

Der BOXer – erneut erste Wahl

Taktgeber und zentraler Leistungsträger der neuen Lagerlogistik von Semadeni ist das vollautomatisch betriebene Kleinteilelager (AKL). Auf 14 m Höhe, 20 m Breite und 15 m Länge ist das AKL über rund 7.200 Behälterstellplätze in zwei Gassen ausgestattet. Kennzeichnend für die zwei BOXer D1-Regalbediengeräte von Stöcklin Logistik sind ihre Leichtbauweise, eine nachgewiesene positive Energiebilanz und dynamische Werte beim Fahren und Heben. Die Lastaufnahmemittel sind auf ein Gesamtgewicht von 100 kg ausgelegt und können jeweils zwei Behälter gleichzeitig aufnehmen. Über das BOXer-AKL kann Semadeni somit stündlich parallel mehr als 210 Behälter ein- und auslagern bzw. alle 60 Minuten rund 420 Lagerbewegungen generieren.

Die Automatikanlage ist über eine Brücke mit dem Obergeschoss des Hauptgebäudes verbunden. Dort befindet sich die Kommissionierung, die über Fördertechnik mit den angeforderten Behälter versorgt wird, die nach Entnahme wieder dem AKL zugeführt werden. „Im Bereich der Kommissionierung bestand die Herausforderung darin, eine Lösung zu finden und zu integrieren, die auf maximale Leistung und Flexibilität ausgelegt ist und gleichzeitig die gewohnten Abläufe der Mitarbeitenden nicht gänzlich auf den Kopf stellt bzw. unnötig stark verändert“, sagt Patrick Eichenlaub, Modernisierungsspezialist Anlagenbau bei der Stöcklin Logistik AG.

Kommissionierstapler mit speziellen Finessen

Da die Überdimensionierung einer neuen Systemlösung selten Sinn macht und sich aus wirtschaftlicher Sicht eher kontraproduktiv auswirkt, erfolgt das Palettenhandling vorwiegend Stapler-unterstützt. Automatisiert wurde hingegen der bestehende Lift im Hauptgebäude, um eine direkte Verbindung zwischen der Kommissionierung im Obergeschoss des Hauptgebäudes und dem Erdgeschoss mit seinen Warenein- und -ausgangsbereichen zu schaffen. Darüber hinaus sind in einem neu errichteten Tunnel, der das Palettenlager mit dem Hauptgebäude verbindet, entsprechende Fördertechnikstrecken installiert worden, über die die Paletten automatisch zum vorab definierten Ziel geführt werden.

Im Palettenlager sind drei nach ergonomischen Prinzipien entwickelte Kommissionierstapler von Stöcklin im Einsatz, ergänzt durch diverse Handstapler und Handhubwagen. Damit setzt Semadeni auch in diesem Bereich auf Blau/Gelb. Zwei Kommissionierstapler sind als Typ EDPK ausgeführt. „Mit einer Breite von nur 680 mm und einer Vorbaulänge ohne Gabeln von nur 1.060 mm ist dies der wendigste Kommissionierstapler auf dem Markt“, betont Valentin Adelfio, zuständiger Verkaufsleiter des Flurförderzeuge-Geschäftsbereichs von Stöcklin Logistik. Das Gerät ist mit einem Aufstiegsgeländer für Kommissionierarbeiten in der zweiten Ebene ausgestattet und sei daher ideal für den Einsatz in den engen Regalgassen.

Den dritten Kommissionierstapler, für den sich Semadeni entschieden hat, bieten die Schweizer Intralogistik-Experten seit Neuestem unter der Bezeichnung ESPK 20-H an. Er verfügt über einen stufenlos arbeitenden Personenhub und ermöglicht dem Bediener somit einen schnellen und zugleich sicheren Zugriff auch auf die zweite Lagerebene. Durch die an der Hubkabine gekoppelte Bedieneinheit lässt sich das Gerät bei reduzierter Geschwindigkeit auch in angehobenem Zustand verfahren. Für das Absenken stehen zusätzliche Fusstaster zur Verfügung, so dass die kommissionierte Ware dabei nicht aus der Hand gelegt werden muss.

Grundsolide und verbrauchsoptimiert

„Dank des eingebauten Geländeausgleichs und der automatischen Geschwindigkeitsreduzierung in den Kurven verfügt dieses Gerät über eine allseits gelobte ‚Strassenlage’, auch bei hohen Fahrgeschwindigkeiten von 14 Kilometern pro Stunde“, so Valentin Adelfio weiter. Die Bedienung erfolgt über einen zentralen Deichselkopf. Kurze Vor- und Rückwärtsbewegungen bei reduziertem Tempo können auch über Drucktaster ausserhalb des Staplers ausgeführt werden.

Je nach Anwendungsfall können die Geräte mit 465 Ah- oder 620 Ah-Batterien ausgestattet werden. In jedem Fall sei der ESPK 20-H ein „Verbrauchsoptimierer“. Denn Energie, die beim elektronischen Abbremsen freigesetzt wird, kann mittels Stromrückspeisung wieder verwendet werden. Zudem sind die AC-Fahr- und Lenkmotoren energieeffizient ausgelegt. Und sollte es bei harten Einsätzen unerwartet zu Störungen kommen, lässt sich das Gerät limitiert weiterfahren. Dafür sorgt das integrierte LOS-System (Limited Operating Strategy). Ein weiterer Vorteil: Servicearbeiten sind ohne Einsatz grösserer technischer Hilfsmittel machbar.

Die Zukunft kann kommen

Geführt werden die Mitarbeiter im Paletten-Kommissionierlager durch moderne Handhelds. Über die Ein- und Auslagerung hinaus können damit auch Inventurkorrekturen und Informationsabfragen durchgeführt werden. Wichtigste Neuerung für Semadeni ist, dass damit auch in diesem Bereich nun papierlos gearbeitet wird. Die zeitaufwändige und fehleranfällige Abwicklung mit manuell erstellten Picklisten entfällt. Die mobilen Terminals sind ebenso im LVS abgebildet wie die automatisierten Prozesse.

Die Umstellung auf ein komplett neues, rechnergestütztes LVS inklusive Materialflusssteuerung mit Anbindung an das auf Navision basierende ERP- bzw. Warenwirtschaftssystem hat sich für Semadeni in vielerlei Hinsicht gelohnt. So können die vorhandenen manuellen Lager nach wie vor, jedoch wesentlich effizienter genutzt werden. Gleichzeitig wurden damit die Voraussetzungen für die Integration des AKL sowie der zu- und abführenden Fördertechnik geschaffen. Vor Implementierung ist die neue LVS-Lösung in Workshops auf die tatsächlichen Erfordernisse des Kunststoffspezialisten angepasst worden.

Edgar Weyermann freut sich über den gelungenen Einstieg in das neue Logistik-Zeitalter von Semadeni. Das neue teilautomatisierte Gesamtsystem decke sowohl die aktuellen Anforderungen der Zielmärkte adäquat ab. Es sei zudem überaus flexibel und zukunftssicher ausgerichtet, so dass weiteres Wachstum in den kommenden Jahren problemlos aufgefangen werden kann. „Wir haben in kurzer Zeit viel erreicht“, so das Resümee des Logistikleiters. Sein Dank geht dabei an die Mitarbeitenden, aber auch an das Team von Stöcklin Logistik.